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Das Wanderwesen der (nesselwängler) Bauhandwerker von BILGERI Monika: Die Ausbreitung des Bauhandwerks im Außerfern Als im Spätmittelalter die durch das raue Klima gesetzte obere Siedlungsgrenze erreicht war, die Einwohnerschaft aber weiterhin zunahm, fand die Bevölkerung in dem für Westtirol wichtigen Warendurchgangsverkehr von Venedig nach den oberdeutschen Städten zusätzlichen Verdienst, der die Beschaffung außerhalb der Heimat erzeugter Nahrungsmittel ermöglichte. Nach dem deutschen Wirtschaftszusammenbruch im Dreißigjährigen Krieg versiegte diese Verdienstquelle, und die Überbevölkerung zwang jetzt einen Teil der Bewohner zur ständigen Abwanderung oder zumindest zur zeitweiligen Auswanderung, d.h. zur Saisonwanderung. Die einzelnen Sparten des Bauhandwerks boten sich besonders zur notwendig gewordenen Saisonarbeit an. Da den bäuerlichen Bewohnern besonders das Zimmerhandwerk und das Mauern und Steinhauen bekannt war, so wählte der überwiegende Teil der hiesigen Bauern nach und nach, besonders im Verlauf der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, das Maurer-, Steinhauer- oder Zimmerhandwerk zum zweiten Beruf, für den es damals genügend Arbeit gab. Zahlreichen Saisonarbeitern boten sich durch Jahrzehnte umfangreiche Aufgaben und wenigen Auserwählten gewährten sie große Aufstiegsmöglichkeiten. So wurde in der Fremde aus manchem tirolischen Bauhandwerker ein bedeutender Bauunternehmer oder ein bekannter Hofbaumeister. Aufgrund überkommener römischer Rechtsauffassung pflegte der freie Bauernstand Haus und Hof auf mehrere Kinder aufzuteilen. Regelmäßig hatten diese Bauhandwerker einen meist kleinen Besitz (Haus und Krautgarten, kaum Äcker, 3 - 8 Kühe, einige Kälber und Schafe). Während die Hausfrau mit den Kindern, vor allem mit den größeren Töchtern, unter kaum vorstellbarer Anstrengung die meist kleine Landwirtschaft mit den vielfach sehr steilen, winzigen Äckern und den großen Bergmähdern führte, zogen die kaum zu Kräften gekommenen Jungen bereits als Maurerlehrlinge Jahr für Jahr mit den Erwachsenen zur Saisonarbeit ins Ausland. Besonders in ärmeren Gemeinden hatte das zur Folge, dass während der Arbeitssaison praktisch jeder im arbeitsfähigen Alter stehende männliche Bewohner, ganz selten auch weibliche, als Handwerker das Land verließ. Zahlreiche Außerferner Bauhandwerker wurden in ihren Wanderzielgebieten sesshaft, indem sie sich dort verheirateten und als Bürger einkauften. An der Saisonwanderung nahmen bereits Lehrjungen im Alter von vierzehn Jahren teil so wie auch noch mancher bejahrte Handwerker mit siebzig Jahren. Der Auszug aus der Heimat erfolgte in der Regel im März in Gruppen zu zehn, zwanzig oder sogar hundert Mann. Mancher Bauhandwerker verschaffte sich bereits auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz als Flößer auf dem Rhein, auf dem Lech oder auf der Donau einen zusätzlichen Verdienst. Ihre Rückkehr traten die Ausgezogenen nach sechs bis acht Monaten an. Der Heimkehrtag dürfte gewöhnlich unmittelbar vor Martini (11. November) gelegen sein. Durch Straßen- und Bahnbau und durch das Emporkommen von Industrie und Gewerbe im Außerfern wurden neue Arbeitsplätze geschaffen, die eine Abnahme der bäuerlichen Bevölkerung und damit parallel verlaufend ein Zurückgehen der Bauhandwerkerzahl mit sich brachte. Nach dem Ersten Weltkrieg schlossen die bisherigen Aufnahmestaaten der Auswanderer im Zuge der allgemeinen Wirtschaftskrise weitgehend ihre Grenzen für die einwandernden Saisonarbeiter. Die Maurer verschmähten selbst die kleinsten Reparaturen nicht. Wenn ein Auftrag vollendet war, so wanderten sie weiter. Auf dem Weg zu ihren Zielgebieten führten sie bereits verschiedene Gelegenheitsarbeiten aus. Aufgrund der Wanderbewegung konnten viele Außerferner in der Heimat wohnen bleiben und dort Familien gründen. Obwohl der Verdienst im Ausland nur auf eine mühsame und entbehrungsreiche Art erworben werden konnte, so zog die überwiegende Mehrheit der Auswanderer ihrerseits dieses Leben, womit das Sesshaftbleiben in der Heimat verbunden war, der Abwanderung für immer vor. Mit dem Verdienst konnte man Getreide, Kleidung und Geräte kaufen und Steuern und Zinsen bezahlen. Wenn der Verdienst gut war, so konnten auch Grundstücke, ein Haus oder ein Hausteil erworben werden. Somit wurde die Mobilität der Liegenschaften gefördert und die "Bodenverstuckung" erreichte einen beispiellosen Grad. Der relative Wohlstand kam außer der eigenen Familie auch der Allgemeinheit zugute. Auch die vielen Kirchen- und Kapellenbauten aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind mit ein Beweis für die günstige wirtschaftliche Lage weiter Bevölkerungsschichten in dieser Zeit. Das fortwährende Hinauswandern in die Fremde brachte aber nicht nur einen materiellen Gewinn für den einzelnen Bauhandwerker, sondern auch eine Erweiterung seines Erfahrungs- und Erlebniskreises. Die Bau- und Stuckateurkunst im Tannheimer Tal Die wirtschaftliche Notlage (karger Ertrag aus der heimatlichen Scholle) verwies die Bewohner auf zusätzlichen Verdienst, um die Existenz ihrer oft kinderreichen Familien zu sichern. Dieser bot sich ihnen anfänglich in den Salzrodfuhren, bis diese schließlich durch den Bau der Arlbergstraße allmählich ganz vom Tal abgelenkt wurden. So trat das Wanderwesen der Tannheimer Maurer, Stuckateure, Tüncher, Handlanger usw. allmählich auf. 1762 betrug die Zahl der Hausbesitzer in der Pfarre Tannheim 500 Personen, wovon 300 in die Fremde gingen. Die Wanderschaft führte sie in die meisten Hauptstädte Deutschlands und Österreichs, aber auch nach Russland, Frankreich, in die Niederlande, nach Schweden, in die Schweiz, nach den Balkanstaaten und einzelne sogar nach Amerika. Zur Reise nach den Donauländern wurde ursprünglich der Wasserweg gewählt, und die Landzieher verdingten sich zur Ersparung der Fahrtauslagen von Füssen ab häufig als Flößer auf dem Lechfluss und dann auf der Donau. Manche von den Landziehern gründeten in der Fremde ihren eigenen Hausstand, wo sie dann als selbständige Arbeiter und Geschäftsinhaber zu Wohlstand gelangten und bei denen später wieder die eigenen Landsleute lohnende Beschäftigung fanden. Solche Geschäftsfirmen entstanden im Laufe der späteren Jahre u.a. durch die Nesselwängler Stuckateure Josef Tauscher in Düsseldorf; Eduard Rief in Köln, wo sich auch Valerie Wohlfarter später als Geschäftsinhaber niederließ; durch Hubert Zotz in Zug (Schweiz) und durch Eduard Wolf in München. Ferner ist zu nennen das Stuckateur- und Baugeschäft der Brüder Lorenz (geb. 1862), Gottfried und Eduard Zotz (gest. 1935) und des Lorenz Dreher in Münster. In Eger (Böhmen) hatte Josef Rief, vulgo Hoisl, ein Stuckateurgeschäft inne. Das Auftreten des Tannheimer Stuckateurgewerbes begann erst um 1740 herum, als die Blütezeit der Barockkunst allmählich zu Ende ging. Als Wahrzeichen der Tannheimer Bau- und Stuckateurkunst kann die stattliche Pfarrkirche von Tannheim angesehen werden, die unter Pfarrer Andreas Brugger in der Zeit von 1722 bis 1725 nach dem Vorbild des Innsbrucker Domes zu St. Jakobs wurde. Baumeister war Andreas Haffenegger aus Haldensee (gest. 1745). Haffenegger war der nachmalige berühmte Stadtbaumeister in Prag, der dort mehrere hervorragende Bauten ausführte, die heute noch Böhmens Hauptstadt zur größten Zierde gereichen. Von ihm stammt auch die St. Josefs-Zunftkirche in Bichlbach, deren Grundsteinlegung 1710 stattfand. Die im Laufe des 18. Jahrhunderts einsetzende Wanderperiode dauerte im folgenden Jahrhundert fort und führte zu einem neuen Aufschwung der Stuckateurarbeit, da der Stuck in größter Ausdehnung vielfältiger angewendet wurde. Als äußeres Zeichen des Aufschwungs kann die definitive Errichtung einer Zeichenschule in Tannheim für die Bauarbeiter des Tales gewertet werden. Einzelne strebsame junge Männer bildeten sich in der Fremde an den gewerblichen Fortbildungsschulen im Zeichnen noch weiter aus. Die Zeit von ungefähr der Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zum Ausbruche des Ersten Weltkrieges bildet die letzte Periode des Wanderwesens der Tannheimer Taler Stuckateure. Von den Stuckateur- und Marmorarbeitern, die aus der Gemeinde Nesselwängle während dieses Zeitraumes als Saisonarbeiter in die Fremde wanderten, sind außer den an anderer Stelle bereits genannten anzuführen: Andreas Zeller, Engelbert Abelshauser, Eduard, Konrad und Engelbert Singer, Johann und Josef Bilgeri, Biber, Adalbert Guem, Johann und Leo Gutheinz und Johann Zotz. Abelshauser und Genossen waren unter anderem beim Opernhaus, bei der königlichen Burg und in der Basilika zu Budapest, im Graner Dom als Marmoristen tätig. Sie arbeiteten im Rathaus und Hotel Kaiserhof in Posen, im Hotel de Grand und im Nationaltheater in Christiania. Sie führten die Marmorarbeiten im Ministerium des Innern in Petersburg, im Hotel Metropol in Moskau aus, ferner in der Nationalbank in Sofia sowie in der Offizierskathedrale auf der Insel Kronstadt (zum Gedenken der bei Port Arthur Gefallenen). 1887 waren sie als Marmoristen beim Burgtheater in Wien, 1898 an der Universität in Berlin und Leipzig tätig usw. Von Johann Zotz, gest. 1932, und seinen Brüdern sind besonders die Stuckateurarbeiten in der Gnadenkirche in Maria Einsiedeln zu erwähnen. Engelbert Abelshauser und Konrad Singer waren die ersten aus dem Tannheimer Tale, die 1888 nach Berlin kamen. In der Nachkriegszeit waren noch viele Nesselwängler in Jugoslawien als Gipsarbeiter beschäftigt. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen der Nachkriegszeit haben diese zusätzlichen Arbeitsmöglichkeiten in den deutschen Landen ganz unterbunden und brachten den einst blühenden Erwerbszweig daselbst gänzlich zum Stillstand. Auf den heimischen Baustil im eigentlichen Sinne hatte die Landwanderung keine Rückwirkung. Der durch die Sparsamkeit der Bewohner nach und nach erzielte relative Wohlstand trat in der inneren und äußeren Ausstattung des Wohnhauses, in landwirtschaftlichen Adaptierungen usw. in Erscheinung. Als kleine Besonderheit sei noch erwähnt, dass Nesselwängle die einzige Pfarrkirche des Tannheimer Tales ist, in der sämtliche Altäre und der Ambo von ortsansässiger Stuckateure geschaffen wurden. 1954 wurde der ehemalige Hochaltar der Pfarrkirche durch einen neuen aus Stuckmarmor nach einem Entwurf von Hubert Kittinger ersetzt, ebenfalls die beiden Seitenaltäre. In fast zweijähriger Arbeit schufen die Brüdern Ämilian und Lorenz Zotz sowie Johann und Josef Bilgeri die drei neuen Altäre aus rötlichem und grünem Stuckmarmor. 1981 wurde der Volksalter, entworfen und geschaffen von Ämilian Zotz, aufgestellt und geweiht. Wenige Jahre später folgte der Ambo, ebenfalls von Ämilian Zotz. Verwendete Literatur: Anranter, Anton: Die Bau- und Stukkateurkunst im Tannheimer Tal. in: Tiroler Heimatblätter, Jg. 1935, S. 428 ff. Aschauer, Othmar: Tirolische Wander- und Bauhandwerker aus dem Außerfern (Westtirol) im 17. - 19. Jahrhundert. in: M. Pieper-Lippe/O. Aschauer: Oberdeutsche Bauhandwerker in Westfalen. Westfälische Forschungen, 20. Bd., Verlag Aschendorf, Münster i. Westfalen, 1967. Bilgeri, Monika: Kleine Chronik der Pfarre Nesselwängle. Pfarre Nesselwängle 1992. Kögl, J. S.: Topographisch-statistische und historische Beschreibung des k.k. Land- und Kriminal-Untersuchungsgerichtes Ehrnberg in Tirol. Innsbruck, 1833. (Ferdinandeumsbibliothek Innsbruck, Hs. W. 14521) Anmerkung: Oben stehender Artikel wurde 1993 im Urlaubsmagazin von Nesselwängle-Haller-Rauth, S. 15-17 veröffentlicht. 
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